Heinz Dalmühle * 6.6.1953 – † 25.12.2011

Die Freie Gartenakademie hat einen guten Freund und Berater verloren. Sein Engagement für die Obdachlosenzeitschrift  „Draußen -Straßenmagazin für Münster und Umland“ und  die Tibet-Iniative haben nachhaltige Spuren hinterlassen. Heinz, wir werden dich vermissen.

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Heinz Dalmühle (links) am 21.6.2006 in der Freien Gartenakademie „Essbare Landschaft“

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Aus dem Vorwort von Heinz Dalmühle „Grün für die Großstadt“ Edition Schangrilla,  Haldenwang 1985

Als Stadtkind liebte ich die intensiven Begegnungen mit der wilden Natur auf Trümmergrundstücken, auf brachliegendem Baugelände oder in schönen alten Gärten. Ich schätzte sie sehr – im Gegensatz zu meinem Schulweg, entlang einer stinkenden lärmenden Straße und den staubig grauen Häuserfluchten. Später träumte ich von alternativen Landkommunen und Flower- Power oder einer grünen Insel im Stillen Ozean, bis ich endlich erkannte, daß ich meine grünen Träume hier, zu Hause, verwirklichen muß, damit auch meine Kinder noch unter Bäumen träumen können – nicht zwischen Hydrokulturkübeln und pflegefreien Plastikblumen.

Beim näheren Hinschauen konnte ich schnell feststellen, daß die Pflanzenwelt uns nicht nur vieles gibt, was wir zum Leben brauchen, wie Nahrung, Sauerstoff, Heizmaterial und Humus, sondern, daß die Pflanzen uns auch in vielen Lebenssituationen Partner und Hilfen sind, auf die ich nicht mehr verzichten möchte.

Die Heilkräuter können uns helfen, unsere Gesundheit zu erhalten oder, wenn nötig, wiederherzustellen. Wie oft haben Blumen uns schon geholfen, wenn wir Kontakt zu unseren Mitmenschen suchten oder um ihre Liebe geworben haben? Und wieviel düstere Mienen haben sich schon beim Anblick einer Blüte aufgehellt? Es gibt also viele gute Gründe, sich mit den Pflanzen zu beschäftigen und ihnen in unserem Bewußtsein und in unseren Städten wieder einen gebührenden Platz einzuräumen – aber wie?

Schon vor mir haben viele Autoren ein Plädoyer für die Natur in der Stadt gehalten. Bereits vor hundert Jahren war der städtische Grund und Boden so stark überbaut, daß kaum noch Platz für unökonomisch genutzte freie Grünflächen blieb. Seit dieser Zeit spielt das „Stadt-Grün“ eine wichtige Rolle bei allen städtebaulichen Reformversuchen. Schrebergärten, Reformhäuser und die Jugendbewegung von 1885 finden heute ihre Weiterführung in Umweltschutz, alternativen Bioläden und grünen Parteien. Unter der grünen Flagge sammeln sich heute gleichermaßen Kritiker der Industriegesellschaft wie Kritiker der Unwirtlichkeit und Unmenschlichkeit unserer Städte. Früher hätten dieselben eher die Landflucht angetreten, doch heute sind vergiftete Felder und sterbende Wälder keine wahre Alternative mehr zum Stadtleben.

Wir müssen jetzt unsere Städte begrünen, um damit das Stadtklima zu verbessern – bevor der große Smog kommt. Auch die „Natur“ in der Stadt muß dringend gefördert und geschützt werden, weil sie lebenswichtig für uns ist.

Mit diesem Buch möchte ich meinen bescheidenen Anteil zu einer Entwicklung in diese Richtung beitragen. Ich tue das, indem ich einige Möglichkeiten aufzeige, die jeder nutzen kann, um sich mit etwas mehr Grün zu umgeben. Welche Pflanzen sich eignen, um die Wohnung, die Hausfassade, den Balkon, die Terrasse oder das Dach zu begrünen, und zu welchen weiteren Zwecken wir diese Pflanzen noch nutzen können, dazu möchte ich einige praktische Tips geben. Wenn jeder bei sich zu Hause beginnt, ist schon viel getan. Es ist aber auch wichtig, mit dem Nachbarn zu reden und vor allem unseren Politikern deutlich zu zeigen, was wir wirklich wollen. Jede neue Bebauung, jede weitere Straße, wird den natürlichen Freiraum einer Stadt unwiederbringlich verkleinern.

Leider wird noch immer zugunsten einer ökonomischen Nutzung entschieden – statt den Interessen der Bürger und den Einsichten der Umweltschützer Raum zu geben. Doch die grüne ökologische Bewegung wird als politische Kraft weiter an Boden gewinnen, denn das Verantwortungsbewußtsein und der Mut der Bürger zu sinnvollem Widerstand gegen den · Ausverkauf unserer Erde nimmt ständig zu. Die in den letzten Jahrhunderten gültig gewordenen Werte müssen heute wieder verändert und abgelöst werden von einem harmonischen Miteinander zwischen Mensch, Tier und Pflanze. Es darf nicht mehr vorkommen, daß Abertausende von Lebewesen getötet oder aus ihrem Lebensraum vertrieben werden, wenn eine Hecke, ein Bach oder eine Wiese für Straßenverbreiterung oder Neubebauung weichen müssen. Wir sollten mehr Respekt vor der Natur und den dort lebenden Wesen entwickeln, und lernen, in allem Leben in der Natur die ihm zustehende Berechtigung zu sehen, es zu akzeptieren, statt es zu bekämpfen, weil es uns fremd und daher bedrohlich vorkommt.

Wir müssen in jeder Beziehung toleranter werden – gleichermaßen zu unseren Mitmenschen wie gegenüber den schutzbedürftigen kleinen Lebewesen und der schon reichlich dezimierten Wildpflanzenwelt. Also grundsätzlich: Es gibt keine Unkräuter, Ungräser, Unsträucher, Unbäume, Ungeziefer, Untiere oder Unmenschen. Wir alle leben: nebeneinander, miteinander, füreinander.

Wir sollten also endlich aufhören, jedes spärlich sprießende Grün zwischen Plattenfugen, das wir nicht kennen, gleich mit Unkrautvernichtungsspray auszurotten und alles, was klein ist und krabbelt, mit Gift zu vernichten, nur damit alles ordentlich und sauber ist, damit es einem falschen Reinheitsideal entspricht, pflegeleicht ist. Die Monotonie der meisten Stadtgärten mit pflegeleichtem Grünteppich, unkrautfrei, eingefaßt von Bodendeckern, einer Gruppe immergrüner Nadelgehölze und dem obligatorischen Rosenbeet. Steril und ökologisch tot passen sie sich in ihrer Einfallslosigkeit der trostlosen Architektur der meisten Straßenzüge an.

In noch stärkerem Maße gilt es, in der Nutzung von öffentlichen Grünanlagen umzudenken, die Hürden von vorgefaßten Meinungen und Traditionen zu durchbrechen. Das öffentliche Stadtgrün wird von den Bürgern oft gar nicht oder nur wenig genutzt, weil es in keiner Weise ihren Bedürfnissen entspricht. Kurzgeschorener Rasen mit vereinzelt freistehenden Bäumen entspricht eher den Bedürfnissen von Hunden, die davon reichlich Gebrauch machen.

Auch begrünte Verkehrsinseln laden nicht gerade zum Verweilen ein, und so ist öffentliches Stadtgrün selten mehr als ein dekoratives Feigenblatt für die groben architektonischen Ausrutscher und städtebaulichen Fehlplanungen. Bürgerparks und öffentliche Grünflächen sollten von den Bürgern nicht nur betreten, sondern auch wirklich für Freizeit, Erholung, Sport, Spiel, Kommunikation und die Begegnung mit der Natur genutzt werden. Sollen doch Mensch, Tier und Pflanze, die die Grünfläche beleben, diese selbst gestalten!

Die Bürger könnten ihre Freizeit besser mit Stadtgärtnern im Park verbringen, als von einsamen Parkbänken auf die säuberlichen Stiefmütterchenrabatten neben der trostlosen Rasenfläche zu starren. Da die Stadtplaner offensichtlich nicht in der Lage sind, den Bürgerbedürfnissen gerecht zu werden und die Behörden versagen, greifen Bürger zur Selbsthilfe, manchmal am Rande der Legalität. Es gibt aber auch Alternativen, die Mut machen, wie die Anlage von ökologischen Schulgärten, Waldlehrpfaden und Gebäudebegrünungen. Das Hoffnungsvollste aber sind die vielen Privatinitiativen, die wilde Gärten anlegen und Hecken, Bäume und Gräben schützen.

Zwar sind tiefere Einsichten in ökologische Zusammenhänge notwendig, um das Engagement nicht zu einer Mode werden zu lassen, aber es gibt Anzeichen für einen wirklich tiefen Bewußtseinswandel, und er beginnt mit dem Blumentopf auf Ihrer Fensterbank ….   Heinz Dalmühle 1985

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